GRETE PETERSEN – ein fiktiver Lebenslauf


Geboren am 20. Juli 1644 in Hamburg, dort gestorben am 22. Dezember 1694. Grete Petersen war „Krankenwärterin“ im Pesthospital auf dem Hamburger Berg.


Stellen wir uns eine „Wärterin“ vor, die im Jahre 1684 im Hamburger Pesthof arbeitete. Knapp 80 Jahre vorher wurde der Pesthof eröffnet. Um die 200 Insass:innen hatte der Pesthof zumeist – und vermutlich waren nur sehr wenige von ihnen an dem erkrankt, was wir heute „Pest“ nennen. Wir stellen uns vor, dass Grete mit ihrer Schwester Anna und deren unehelichem Kind in einer Kammer in einem hüttenähnlichen Gebäude in der Nähe wohnte. Vielleicht da, wo heute die Gilbertstraße ist. Wenn es sie gab, begegnete sie Catharin Rosenbrock, die 1684 aus dem Spinnhaus an der Binnenalster in den Pesthof auf dem Hamburger Berg (also heute St. Pauli) verbracht wurde.


Die Anstalt wurde mehrfach baulich erweitert und 1797 in „Krankenhof“ umbenannt. Der Pest- bzw. Krankenhof war die Vorläufer-Einrichtung des 1821 gegründeten Allgemeinen Krankenhauses St. Georg. Vom Pesthof ist nichts übrig geblieben – es sei denn, wir glauben, dass unter der Kneipe „Möwe Sturzflug“ noch die Gewölbe desselben vorhanden sind. (Die stimmungsvolle Location stammt aus späterer Zeit.) Im Winter 1813/1814 wurde nämlich die gesamte Vorstadt St. Pauli dem Erdboden gleichgemacht. Der Zweck dieser Zerstörung war die Schaffung eines freien Schussfeldes für die Verteidigung der napoleonisch besetzten Stadt. Heute spielen Kinder auf dem ehemaligen Gelände des Pesthofs, dem Paulinenplatz.


Zentrum des Pesthofs war die Kapelle. Vielleicht ein Bild für das Leben und besonders für die Arbeit der Krankenwärterin Grete. Grete und ihre Schwester Anna waren eheliche Kinder der Eheleute Petersen, die während des Dreißigjährigen Krieges aus dem Braunschweigischen nach Hamburg zugewandert waren. 1684 galt die 40-jährige Grete als alte Frau. Als junges Mädchen war sie einmal von einem Seemann, den sie ein paar Mal getroffen hatte, schwanger geworden. Das Kind war kurz nach der Geburt an einer Infektion gestorben. Auch sie hatte heftig gefiebert im Kindbett. Grete hielt sich seitdem von Männern fern, das Risiko war einfach zu groß. Sexualität außerhalb der Ehe war strafbar – und sowieso eher gewaltförmig, rau auf jeden Fall. Es war wichtig, darauf zu sehen, dass diese Kontakte einen Vorteil für die Frau brachten – bei ihrer Schwester, die in einem Wirtshaus arbeitete, war das der Fall. Heute gibt es dafür den Begriff der „Gelegenheitsprostitution“. Eine Eheschließung war Frauen der Unterschicht selten möglich, denn der Pastor musste hier zustimmen. Voraussetzungen waren ein keuscher Lebenswandel und eine zumindest schmale materielle Basis.


Eigentlich ging Grete gern in die Kirche, sie sang gern und konnte gut beten. Nur dauerten ihr die Gottesdienste und besonders die Predigten meist zu lang. Grete konnte gut zählen, ein wenig rechnen und ihren Namen schreiben. Der Provisor des Pesthofes hatte sie vor zwei Jahren eingestellt, da sie als „alte Frau“ als vor Ansteckung gefeit galt. Nach der herrschenden „Säftelehre“ waren alte Frauen „kalt und trocken“. Ein in sich stimmiges System – ist das Gleichgewicht der vier Elemente Blut, Gelbe Galle, Schwarze Galle und Schleim gestört, kommt es zum Krankheitsfall. Sauberkeit spielte keine große Rolle – Wasser war eher gefährlich, da es in den Körper eindringen kann. Von 1712 haben wir einen „Eyd der Wärterinnen“, den Grete vermutlich so ähnlich auch nachsprechen musste. Nach der Treueverpflichtung gegenüber dem Rat und der Stadt Hamburg hieß es: "Ich will aber insonderheit, da ich zur Wärterin im Lazareth bestellet bin, die Armen Inficirten fleißig und treulich verpflegen und mich dabey keine Mühe, Verdruß, Sorge und Gefahr verdriessen lassen, ich will auch fleißig mit ihnen beten und singen und sie zur Beichte und Communion vermahnen." Erst nach dem Singen und Beten folgt das Versprechen, "die verordnete Medicamenta ihnen zu rechter Zeit wie auch Speise und Tranck verordneter massen" zu reichen.


Hatte Grete nicht ernsthaft genug gebetet, wenn die Kranken ihr wegstarben? Oder hatte es ihnen am ernsthaften Glauben gefehlt? Sicherer war in Pestzeiten das Anzünden von Feuern mit Wacholder, Fichten und Tannen. Auch zuhause konnte man nachhelfen mit dem Abbrennen von Majoran und Eibe.

* Bildquelle: Ebru Durupinar Photography