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ASTRID KIRCHHERR / 1938-2020


Geboren am 20. Mai 1938 in Hamburg, gestorben am 12.5.2020 in Hamburg;

Fotografin.


„Weil wir eigentlich nichts anderes als kleine Kinder waren, bestand unsere Philosophie einfach daraus, schwarze Kleidung zu tragen und mürrisch auszusehen. Natürlich hatten wir keine Ahnung, wer Jean-Paul Sartre war. Wir wurden von allen französischen Künstlern und Schriftstellern inspiriert, denn das war das nächste, was wir bekommen konnten. England war so weit weg und Amerika kam nicht in Frage. Also war Frankreich das nächste... Wir wollten frei sein, wir wollten anders sein und versuchten cool zu sein, wie wir es jetzt nennen." Astrid Kirchherr, BBC-Interview 1995


Hamburgs beste Beatles-Kennerin, Stefanie Hempel, meint ja, daß alle Beatles in Astrid Kirchherr verliebt gewesen seien. Nicht deshalb wollen wir an sie erinnern. Obwohl: wer heute, über 60 Jahre später, Fotos dieser ernsten jungen Frau betrachtet, in schwarzes Leder gekleidet, kurz-geschnittene helle Haare, kann sich sofort über alle Zeiten hinweg in sie vergucken. Berühmt gemacht haben sie Schwarz-Weiss-Aufnahmen der fünf blutjungen Musiker, die sie auf St. Pauli porträtierte. Die später als „Fab Four“ (Lennon, McCartney, Starr, Harrison) berühmten, waren in ihren Hamburger Jahren noch zu fünft. Es waren die musikalisch prägenden Jahre, die sie erwachsen werden ließen. In den fünften, den Bassisten Stuart Sutcliffe, verliebte Kirchherr sich auf den ersten Blick. Sie schätzte gut aussehende Männer – und sie wollte sie fotografieren. Es war ihr Beruf und ihre Leidenschaft. Kirchherr inszeniert die fünf jungen Männer in Innenräumen und auf dem Kiez. Sie ist es auch, die dem ersten Beatle, dem Mann am Bass mit der Ray Ban Brille, die „Pilzkopffrisur“ schnitt. Die anderen Jungs übernahmen den Look. Vorher pomadisierten sie sich den Schopf noch nach Rock n Roller-Art nach hinten.


Danach, nach den 1960er Jahren hat sie kaum noch fotografiert. Das hatte zwei Gründe: erstens wollten alle immer nur noch Beatles-Fotos von ihr - die Verbindung zu den späteren Weltstars war so eher ein Fluch. (Sie versäumte es bis in die 1990er Jahre, sich die Bildrechte zu sichern.) Und zweitens war es in den 1960er Jahren für eine Frau sehr schwer, als Fotografin akzeptiert zu werden. Sie arbeitet in der Gastronomie, der Hotel- und Musikbranche.


Was prägte diese den Style der Beatles prägende Fotografin? Kirchherr studierte von 1957 bis 1960 an der Meisterschule für Mode (heute HAW, Department Design). Vorher hatte sie schon eine Ausbildung zur Hutmacherin gemacht. Sie kam aus bürgerlichem Elternhaus. Wenn ihr damaliger Freund sie nicht wg. der aufregenden neuen Band, die im Kaiserkeller auftrat, nach St. Pauli mitgeschnackt hätte, wär sie niemals ins raue und verrufene St. Pauli gegangen. Dort trafen zwei sehr unterschiedliche Szenen aufeinander: die eher proletarischen Rocker mit Elvis-Tolle und die bürgerlich fein-geistigen schwarz gekleideten „Exis“. Ausdruck von Rebellion war beides. Kirchherr und ihre Clique wollten mit einer „kleinen unschuldigen Revolution“ der (Nazi-)Vergangenheit und der „Last der Schuld, die wir alle trugen“ etwas entgegensetzen.


Sutcliffe war die Liebe ihres Lebens. Er war wegen der Liebe zu ihr und der Liebe zur Kunst in Hamburg. Er studierte an der Hamburger Kunsthochschule. Im April 1962 erlag er mit 21 Jahren im Krankenwagen einer Gehirnblutung. Astrid Kirchherr war bei ihm.


Fotocredits: Günter Zint Stiftung

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