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SIMONE BUCHHOLZ / Geb. 10.03.1972


Geboren am 10. März 1972 in Hanau, lebt und arbeitet seit 2001 auf St. Pauli;

Journalistin, Schriftstellerin.


„… ich hatte von Anfang an das Gefühl, hier gehen von meinen Füßen Wurzeln in den Boden rein. Von meinem Schlafzimmer höre ich die Schiffe; nachts leuchtet der Hafen. St. Pauli hat eine hohe Widerstandskraft gegen Gentrifizierung. Die Leute mit dem Geld werden ausgespuckt oder assimiliert.“


Jetzt hat sie Chastity Riley, die in zehn Kriminalromanen ermittelnde Staatsanwältin erstmal alleine gelassen. Die muß jetzt ohne ihre Schöpferin von St. Pauli aus Sprüche raushauen, trinken, rauchen. Die angeblich gesundheitsschädlichen Verhaltensweisen hatte Buchholz in ihre Ich-Erzählerin ausgelagert. Riley hat ihren Namen von ihrem US-amerikanischen Vater, einem Besatzungssoldat. Und irgendwie auch von literarischen Wahlverwandtschaften, eine heißt Dorothy Parker.

Buchholz säße nun gern allein in einer Bar, checkte Leute, ermittelte den Grad ihrer Verzweiflung, dichtet ihnen vielleicht eine Biographie oder einen Monolog an.

Und Riley, die gewissermaßen immer über den Rand gemalt hat, schmeißt sie vielleicht hin? In „Beton Rouge“, dem siebten Krimi ohne irdische Gerechtigkeit, voller erlittener Demütigungen und Rache als starkes Motiv, fragt Riley sich: „… wie manche Leute so ein Leben überhaupt aushalten, in dem nie, aber auch wirklich niemals über den Rand gemalt werden darf.“

Schon der letzte Chas Riley-Roman, „River Clyde“ von 2021 zeigte starke Realitäts- und Genre-Auflösungserscheinungen. Der Fluß Clyde, der durch Glasgow fließt, war eine sprechende Person. Skulpturen sprachen. 2022 dann „Unsterblich sind nur die anderen“, eine Fähre über den Nordatlantik, zwei Frauen auf der Suche nach verschollenen Freunden, eine Parallelwelt ohne Ausgang.


Warum nochmal Krimi? Der Krimi kann Strasse – regenglänzende Dialoge, kaputte Typen, kurze Sätze. In die jede Menge Schmerz und Weisheit passen. Und Krimi kann Kritik, Kritik an Gesellschaft, an Politik und an den real existierenden Arschlöchern. Im Kern immer Ausbrüche von Gewalt, von männlicher Gewalt, die eine Eskalation unter Männern ist und Folge gescheiterter Kommunikation. Top Thema der gängigen Krimis ist der Mord an Frauen und nicht selten wird die Gewalt zelebriert. Buchholz hingegen schildert keine Gewalt an Frauen.

Der Literaturbetrieb ist nach wie vor von Ungleichheit bestimmt. Der Markt ist überwiegend weiblich: Leserinnen, Buchhändlerinnen und Verlagsmitarbeiterinnen. Doch Honorare, Stipendien und mediale Aufmerksamkeit gehen vor allem an Männer. Buchholz leuchtet auch diese Ungerechtigkeit aus. Zweimal wurde Buchholz mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Die gelernte Journalistin recherchiert gründlich in den Milieus und bei der Polizei. Befragt nach ihrer weiblichen Superpower, entwirft Buchholz souverän und lakonisch das Bild der HEXE, einer autonomen Frau. Einer Frau, die über besondere Kräfte verfügt, die gern alt wird. Was Männer vorsichtig werden lässt.


Eigentlich erstaunlich, dass diese packenden Verbrechens-Stories, erzählt in kurzen schnellen Schnitten, nicht längst verfilmt sind. Verhandlungen gab es. Aber eigentlich ist es auch wieder nicht erstaunlich. Denn das ist ja nun wirklich unvorstellbar: im deutschen Fernsehen eine Frau, die raucht, trinkt und selbstbestimmten Sex hat.


Bildquelle: Suhrkamp Verlag

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