MARTA HALUSA / 1910-1999 & MARGOT LIU / 1912-1993

Marta Halusa, geboren am 3. Juli 1910 in Brunsbüttelkoog, gestorben am 24. Juli 1999 in London.


Margot Liu, geboren als Margot Johanna Holzmann am 16. Januar 1912 in Ratibor in Schlesien (heute Racibórz, Polen), gestorben am 1. Juni 1993 in London. Beide waren Tänzerinnen.


„Ein Einschreiten der Polizei erscheint im Interesse der Allgemeinheit geboten.“ – Aus einem Bericht der Berliner Kriminalpolizei 1942.


Es war ihr Wunsch, in einem gemeinsamen Grab zu ruhen. Wer den Nord-Londoner Friedhof Edgwarebury besucht – etwa, um für Amy Winehouse eine schwarze Rose abzulegen –, findet hier ein Doppelgrab für ein Frauenpaar. Auf dem Grabstein sind oberhalb und unterhalb der Inschriftenplatte ihre Kosenamen zu lesen: Mocky und Peter. Margot nannte sich Mocky und Marta nannte sich Peter. Die Bonner Historikerin Ingeborg Boxhammer hat ihrer beider Leben erforscht und nachgezeichnet. Es ist einigermaßen abenteuerlich und, was ihre besten (Tänzerinnen-)Jahre angeht, äußerst empörend. Beide wurden mehrfach verhaftet und teilweise gefoltert, sie lebten im Untergrund, sie flohen. Es gibt leider keine Berichte oder Briefe der beiden, daher muss vieles im Ungewissen bleiben. So fällt es schwer, sich vorzustellen, wie die beiden von 1938 bis 1945 überlebt haben.

Die sportliche Marta stammte aus einer evangelischen kinderreichen kommunistischen Arbeiterfamilie. Mehr als der Besuch der Volksschule war nicht möglich. Sie schlug sich danach als Küchenhilfe durch. Nebenbei lernte sie tanzen. Die elegante Margot, aus einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie stammend, musste nach dem frühen Tod der Mutter eine Ausbildung zur Säuglingsschwester machen. Dabei wollte sie nur eins: tanzen. Ab 1929 konnte sie eine Ballett-Ausbildung in Halle an der Saale absolvieren.


Die Frauen lernten sich um 1932 im Alkazar an der Reeperbahn kennen. Das legendäre Varieté befand sich am Ort des heutigen „Kiez-Penny-Marktes“. Hier tanzte Anita Berber ihre „Tänze der Ekstase“, hier verwirrte und begeisterte Josephine Baker ein großes Publikum. Morgens um vier wurde ein Leuchter mit nackten Tänzerinnen herabgelassen – und irgendwo dazwischen verliebten sich Marta, die als androgyner Peter mit Fliege, Frack und Zylinder steppte, und Margot, die als Pepita in geschlitzten und Volant-reichen Kostümen auftrat, ineinander. Fortan tanzten und lebten die beiden zusammen.


Margot alias Pepita war sehr erfolgreich: Tourneen führten sie nach Leipzig, Prag, Frankfurt am Main und Dänemark. Sie konnte sich sogar einen eigenen Wagen – einen roten Opel Cabrio – leisten. Ende 1938 durften Menschen jüdischen Glaubens keine Automobile mehr besitzen. In diesem Jahr war Margots Karriere als Tänzerin so gut wie beendet. Nach einer Scheinehe mit einem chinesischen Staatsbürger hieß sie mit Nachnamen Liu. Beiden Frauen wurden Vergehen nach dem gerade verschärften § 361,6 Strafgesetzbuch vorgeworfen, der Prostitution kriminalisierte. Der Vorwurf der Prostitution, den beide Frauen nicht mehr loswurden, wurde ausdrücklich mit dem „gesunden Volksempfinden“ begründet. Ein Verdacht reichte völlig aus. Eine gemeinsame Ausreise gelang nicht. Mehrfach wurden sie als Lesben denunziert. Listen frauenliebender Frauen existierten seit 1935.


Anders als männliche Homosexualität war lesbische Liebe im Deutschen Reich nicht strafrechtsrelevant, Verfolgung gab es trotzdem. Nach dem Krieg konnten die beiden, traumatisiert und schwer angeschlagen, in London ein neues Leben beginnen. Sie kämpften erfolgreich um eine sogenannte „Wiedergutmachung“ und konnten fortan materiell abgesichert zusammen leben. In den Anträgen mussten sie die Verfolgungsgründe Prostitution und lesbische Liebe verschweigen. Ein deutscher Beamter schrieb 1954 zunächst als Verweigerungsgrund, rot unterstrichen, „amoralische Lebensführung“ in die Akte.


Links und Literaturangaben:

Ingeborg Boxhammer, Marta Halusa und Margot Liu. Die lebenslange Liebe zweier Tänzerinnen, Berlin 2015 (Verlag Hentrich und Hentrich, Reihe: Jüdische Miniaturen)

https://www.lesbengeschichte.org/Englisch/bio_halusa_liu_e.html


https://reeperbahn.de/variete-alkazar/

* Bildquelle: Ebru Durupinar Photography aus dem Buch "Marta Halmas und Margot Liu Die lebenslange Liebe zweier Tänzerinnen"

Autor:in: Ingeborg Boxhammer