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MARIETTA SOLTY / 1942-2021


Geboren 1942 in Hamburg, gestorben am 8. Juni 2021 in Hamburg;

Wirtin der Hong Kong Bar am Hamburger Berg


„Mein Vater kam aus China, meine Mutter kam aus Polen – ich bin hier aufgewachsen.“

(aus dem Film „Fremde Heimat“, 2010) Ihre Warnung vor Rassismus und Gewalt im Film …


Ihr Überleben war großes Glück. Ihre Mutter versuchte, sie loszuwerden und verließ bald nach der Geburt Mann und Kind, um mit einem Kapitän in die USA zu gehen. Xue Fang - das bedeutet „wohlriechende Schneeflocke“ nennt Vater Chong Tin Lam das im Jahr des Pferdes geborene Mädchen. Als sie zwei ist, setzt er sie mit einem Schild um den Hals in den Zug nach Heidelberg zur Schwester seiner damaligen Freundin. Dadurch entgeht Marietta der „Chinesenaktion“ im Mai 1944, der Verschleppung von 128 chinesischen St. Paulianern und vielen ihrer deutschen Freundinnen. Etwa 30 deutsch-chinesische Paare lebten hier. Deutsche Mädchen schätzten an den chinesischen Seeleuten, Köchen und Wäschern ihr gepflegtes Äußeres und einen deutlich geringeren Alkoholkonsum. Auch Mariettas Vater wird von der Gestapo verschleppt und gefoltert, sein Lokal geplündert. Er überlebt Gefängnis und Lagerhaft in Kiel. Danach vermag er niemandem mehr zu vertrauen und spricht kaum noch Deutsch. Da es sich um eine „normale polizeiliche Aktion“ gehandelt habe, erhalten die Überlebenden keine Entschädigung.


Marietta besucht die Volksschule in der Seilerstraße und pendelt zwischen Heidelberg und Hamburg. Gern wäre sie Modezeichnerin geworden, doch das Leben spülte sie woanders hin. Nach Arbeit als Verkäuferin, Rechtsanwaltsgehilfin und Bedienung in einem Nachtclub in der Großen Freiheit ist sie zehn Jahre lang mit einem Binnenschiffer liiert und zwischen Berlin und Amsterdam unterwegs. Gewalt und Alkoholismus zerrütten die Beziehung, die zwei Töchter zieht sie im Grunde alleine groß. Nach dem Tod eines neuen Partners, mit dem sie eine weitere Tochter hat, bleibt sie allein. „Bei mir ging nie was einfach.“ Vielleicht sprach sie deshalb etwa atemlos. Sie war eine der ältesten und bekanntesten Wirtinnen auf St. Pauli. Wer in der Hong Kong Bar auf dem Hamburger Berg einen feurigen „Mexikaner“ zu sich nimmt, kann wissen, daß das Lokal mit Hotel (13 Zimmer ohne die Zahl 13) das letzte Relikt des kleinen Hamburger „Chinatown“ auf St. Pauli ist. Die Tafel rechts neben dem Eingang brachte sie selbst an. Das St. Pauli Archiv stellte auf dem heute unbebauten Grundstück an der Schmuckstraße eine Infotafel auf, die, immer wieder beschmiert, an das einstmals lebendige Zusammenleben im Arbeiter- und Matrosenviertel erinnert. Solty setzte sich auch für die Verlegung von 13 Stolpersteinen für Chinesen ein.


Ein Onkel ihres Vaters gründete 1925 das Vorgängerlokal mit authentischer kantonesischer Küche. Hier wurde auch getanzt. In den ärmlichen Häusern, z.T. auch in Kellern der damaligen Heinestraße und Schmuckstraße lebten Chinesen aus dem Süden des Landes. Vater Chong Tin Lam kam mit 19 im Jahr 1926 das erste mal nach Hamburg, er war da schon einige Jahre als Koch zur See gefahren und hatte in China eine Familie. Nach dem Tod ihres Vaters 1983 übernahm Marietta Solty das Lokal. Wie viele Kinder von Überlebenden bedauert auch sie: „Ich habe als Kind gar nicht verstanden, was er erlebt hat. Später hatte ich eine eigene Familie und eigene Probleme. Heute denke ich: Wenn ich doch mehr gefragt hätte.“ Immer wieder warnt sie in Interviews und Filmen vor Gewalt gegen „Fremde“ und der Unfähigkeit, aus der Geschichte zu lernen. Mariettas letzter Wunsch nach einer Seebestattung konnte, dank eines Insta-Crowdfunding ihrer Enkelin Laura, erfüllt werden.




Filme u.A.

„… bis die Gestapo kam. Das „Chinesenviertel“ in St. Pauli“, 2020, 60 Minuten, Bertram Rotermund und Rudolf Simon



Grundlegend über das Hamburger Chinesenviertel die Arbeiten von Lars Amenda, z.B. „China in Hamburg“, Hamburg 2011


Bildquelle: Mauricio Bustamante

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