ANNA SIMON / 1892 - 1964


Geboren am 3. August 1892 in Hamburg als Anna Schwarz, sie starb am 16. Dezember 1964. Anna Simon war 40 Jahre lang Chefin des St. Pauli-Theaters.


„Sie war die Chefin, wie sie im Buche steht. Eine unglaublich faszinierende, dominante Persönlichkeit, die keinen Hehl daraus machte, daß sie ihre Position genoß und einen gewissen Pomp brauchte. […] Wenn sie den Raum betrat, mußten die Anwesenden aufhören zu reden, zu essen oder was auch immer. […] Man hatte manchmal das Gefühl, sie leite nicht das St. Pauli-Theater, sondern die Oper.“ – So Sven Simon über sie, Enkel von Anna Simon.


Anna Schwarz kam als Tochter eines Straßenbau-Unternehmers in Hamburg-Hohenfelde zur Welt. Das Plattdeutsche war eine ihrer Muttersprachen. Nach St. Pauli und zum Theater kam sie 1915 durch Heirat mit dem 17 Jahre älteren Siegfried Simon. Der war Schauspieler und leitete das Flora-Theater am Schulterblatt. Als er Soldat werden musste, vertrat sie ihn. 1921 kaufte das Ehepaar das Theater am Spielbudenplatz, das damals nach dem ehemaligen Prinzipal Ernst-Drucker-Theater hieß. Das Theater war ein reines Privattheater, das auf Missingsch und Platt, auf Situationskomik, schräge Typen und derbe Späße setzte – und ein Publikum hatte, das mitspielte. Ein Beispiel: Als in einem Stück mit dem recht typischen Titel „Die gepeitschten Pfandweiber“ ein Mann den Befehl zum Peitschen erteilte, stellte sich vor ihn an den Bühnenrand eine aufgebrachte Zuschauerin und rief: „Du verdammtes Oos!“


Anna Simon war die erste Hamburger Theater-Chefin überhaupt. Sie stand schon bald allein da, denn Siegfried starb 1924. Nicht nur allein mit dem großen Theaterbetrieb, sondern auch mit dem achtjährigen Kurt und der sechsjährigen Edith. Beide stiegen später in den Betrieb ein. Anna Simon managte alles: Schauspieler:innen, Autor:innen, Dekoration, Kostüme, Kasse. Mit einem guten Gespür für die Wünsche des Publikums. Und sparsam. So sagte man über sie: „Se holt den Dumen opn Geldbüdel.“


Der größte Hit ab 1940 war ein „Volksstück mit Musik“ über die Außenseiterin und das spätere „Original“ Johanne Henriette Marie Müller, genannt „Zitronenjette“, die von 1841 bis 1916 in Hamburg gelebt hatte. Die lernbehinderte und kleinwüchsige „Jette“ musste von Kindesbeinen an Zitronen verkaufen. Die Aufführungen waren wahrscheinlich auch deshalb so große (Lach-)Erfolge, weil die „Zitronenjette“ häufig von einem Mann verkörpert wurde. Anna Simons Theater wurde zum 100-jährigen Jubiläum, das war 1941, von den Nationalsozialisten in St. Pauli-Theater umbenannt. Ernst Drucker galt ihnen als „jüdisch“. Anna Simons im Theater mitarbeitende Kinder galten nach den Nazi-Rassegesetzen als „halbjüdisch“ und ihre Namen sollten nicht in der Öffentlichkeit erwähnt werden.


1944 mussten alle deutschen Theater schließen. Das St. Pauli-Theater war als einzige der Bühnen am Spielbudenplatz unzerstört geblieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg durfte Anna Simon als Erste in Hamburg ihr Theater wieder aufmachen. Am 29. August 1945 begeisterte wieder die „Zitronenjette“ ein amüsierwilliges Hamburger Publikum, mit einem Mann in der Titelrolle. Die Leute, hieß es, „lachen sich weg“. Ab 1955 war es Christa Siems, die in der Rolle der Zitronenjette das Publikum Tränen der Rührung und der Freude vergießen ließ.


1957 verlieh der Hamburger Senat Anna Simon die „Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes“ (ein Hamburger Orden). Anna Simon wohnte damals in der feinen Isestraße, Nummer 115. Sie starb an Krebs nach einem enorm arbeitsreichen Leben. Ihr Grab befindet sich auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Das St. Pauli-Theater ist heute Hamburgs ältestes noch bestehendes Theater.

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Zeitungsartikel zum Ernst-Drucker-Theater aus den 1930er-Jahren mit der Überschrift "Der Musentempel auf der Reeperbahn"


* Bildquelle : St. Pauli Theater